Nachruf
Stig Förster

Michael Eliot Howard wurde am 29. November 1922 in Ashmore bei Salisbury geboren. Er war der jüngste von drei Söhnen des Pharmaindustriellen Geoffrey Howard. Michael Howards Mutter war die deutsche Jüdin Edith Edinger-Howard. Nach jüdischem Recht war er damit Jude. Seine Tante, Elizabeth Fox Howard, war Quäkerin und lehnte dementsprechend den britischen Kriegseinsatz 1914-1918 ab. Nach der Schulausbildung, die bereits sein Interesse an der Geschichte weckte, begann er 1941 sein Studium der Geschichte am Christ Church College, Oxford. Doch der Krieg erlaubte ihm nur ein Kurzstudium. Er wurde Offizier bei den Goldstream Guards und gewann seine erste praktische militärische Erfahrung in Nordafrika. Bei der britischen Landungsoperation in Salerno (Italien) am 22. September 1943 führte Howard einen extrem mutigen Sturmangriff gegen deutsche Stellungen, wofür er das Military Cross erhielt. Später kommentierte er diesen Vorgang, dass er eben jung und unerfahren gewesen sei, und dieses Wagnis einging. Howard blieb fortan am britischen Italienfeldzug beteiligt. Mir erzählte er einmal, dass er mit seiner Einheit einen Ort im berühmten Weingebiet Chianti befreit hatte. Die begeisterte Bevölkerung bewirtete die britischen Offiziere mit gutem Essen und erlesenen Weinen, während seine Männer in den Weinbergen kampierten. Als Howard zur Truppe zurückkehrte, musste er feststellen, dass die ignoranten einfachen englischen Soldaten die Blätter von den Weinreben gerissen hatten, um daraus Tee zu kochen. Auf meine Bemerkung, dass der Duke of Wellington seine Männer für einen derartigen Frevel hart bestraft hätte, meinte Howard nur lachend, das wäre wohl angemessen gewesen. Den Krieg beendete er im Rang eines Hauptmanns.

Nach dem Krieg wurde Howard Lecturer am King’s College London. Dort wurde er schließlich Professor für War Studies und baute das gleichnamige Department auf. Die Bedrohung durch einen möglichen Atomkrieg beunruhigte ihn während der 1950er Jahre sehr, was er auch öffentlich kundtat. Politisch unterstützte er die Labour Party, deren Entwicklung er später nicht mehr mittragen wollte. Doch er blieb immer eher sozial-liberal eingestellt. Howard hatte schon mehrere wichtige Texte publiziert. Aber 1958 begann er mit der Arbeit an seinem Großprojekt, einer Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. Es sollte sein Meisterwerk werden. Als Assistenten engagierte er den jungen Mark James. Daraus entwickelte sich eine lebenslange Liebesbeziehung und Partnerschaft, welche die beiden Männer erst spät offiziell legalisieren konnten. Howards Homosexualität erzeugte immer wieder Missgunst und Misstrauen bei Regierungsvertretern.

Im Jahre 1961 wurde „The Franco-Prussian War“ veröffentlicht. Es handelte sich um eine bahnbrechende Studie. Das galt nicht so sehr für die Faktenanalyse, die durch mehrere neuere Studien im Detail inzwischen überholt worden ist. Vielmehr zeichnete sich das Werk durch einen damals neuartigen methodischen Zugang aus. Howard beließ es nicht bei einer Darstellung der militärischen Vorgänge, sondern legte großen Wert auf das politische, wirtschaftliche, soziale und technologische Umfeld dieses Krieges. Das war in dieser Form neu. Militärgeschichte wurde dadurch in die allgemeine Geschichte integriert. Es ist absurd, dass dieses Buch nie ins Deutsche oder Französische übersetzt wurde. Aber in Großbritannien, wo der Deutsch-Französische Krieg eigentlich ein Randthema war, löste das Werk eine innovative Entwicklung in der Militärgeschichtsschreibung aus. Aus all dem entwickelte sich in Großbritannien die „War and Society“-Schule, welche Militärgeschichte mit Politik- und Gesellschaftsgeschichte verband. Hervorragende Militärhistoriker griffen diesen Ansatz auf und publizierten zahlreiche Werke, welche das Thema Krieg und Gesellschaft über verschiedene Epochen hinweg bearbeiteten. Eine wesentliche Grundlage für den neuen Forschungstrend war der Rückgriff auf das Werk Carl von Clausewitz’. Dieser preußische Theoretiker und General hatte schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts postuliert, dass Krieg nur aus der Analyse seiner politischen Bedingtheit heraus verstanden werden könne. Allzu lange hatte die Militärgeschichtsschreibung diese Erkenntnis ignoriert. Es war Michael Howards Verdienst, dem Denken Clausewitz’ erneut Geltung zu verschaffen und auf dieser Grundlage einen modernen methodischen Zugang anzuregen, der im Laufe der Zeit auch international aufgegriffen wurde. Howards enger Bezug zu Clausewitz fand 1976 seine Bestätigung, als er gemeinsam mit dem Militärhistoriker Peter Paret eine exzellente englische Übersetzung des Werkes „Vom Kriege“ herausbrachte. Im gleichen Jahr erschien Howards beeindruckender Überblick „War in European History“.

Überhaupt wurde die Publikationsliste Howards immer länger. Auf diese Weise nahm er Einfluss auf die Entwicklung des Fachs und weckte das Interesse einer breiten Leserschaft. Howard war längst der prominenteste Militärhistoriker Großbritanniens geworden. Er hatte das „Institute of Strategic Studies“ in London gegründet und das Department für Kriegsstudien am King’s College aufgebaut. Im Jahre 1977 wechselte er nach Oxford, wo er nacheinander zwei prominente Professuren übernahm. In Anerkennung seiner Verdienste wurde 1986 in den Ritterstand erhoben. Erst 1993 beendete Howard seine Laufbahn als Hochschullehrer. Doch er blieb weiter wissenschaftlich aktiv, publizierte und meldete sich öffentlich zu Wort. So kritisierte er die Kriege in Afghanistan und im Irak scharf. Im Jahre 2006 erschien seine Autobiographie „Captain Professor“. Erst in hohem Alter zog er sich endgültig in sein Haus in Eastbury zurück und widmete sich gemeinsam mit Mark James seiner gärtnerischen Leidenschaft. Am 30. November 2019, einen Tag nach seinem siebenundneunzigsten Geburtstag, verstarb Sir Michael Howard.

DOI: 
1015500/akm.16.12.2019
Artikeltyp: 
Markus Pöhlmann
Veröffentlicht am: 
Donnerstag, 5. Dezember 2019 - 22:07