Der Künstler als Politiker und Feldherr
Roman Töppel
Buchbesprechung
Veröffentlicht am: 
30. November 2015

Wolfram Pyta, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart und Direktor der Forschungsstelle Ludwigsburg, hat nach seiner 2007 erschienenen, preisgekrönten Biografie Hindenburgs nun auch eine umfangreiche Arbeit über Hitler vorgelegt. Im Gegensatz zu anderen Biografen Hitlers geht es Pyta nicht um eine Gesamtschau auf das Leben des Diktators. Pyta konzentriert sich auf die Zeit seit Hitlers Eintritt in die Politik. Den breitesten Raum nimmt der Zweite Weltkrieg ein.

Pyta verfolgt konsequent den Ansatz, Hitlers Handeln als Reflex eines Künstlers mit Genieanspruch zu betrachten. Das von Hitler selbst erhobene Postulat, Künstler und Genie zu sein, sei von seiner Gefolgschaft bereitwillig akzeptiert worden. „Die besondere politische Sprengkraft des Geniekonzepts“, so Pyta, „liegt darin, dass einer Person unter Verweis auf eine einmalige und unvergleichliche Fähigkeit eine Generalbevollmächtigung zuerkannt wird. Die zum Genie erhobene Person ist insofern erhaben, als alle Maßstäbe für sie ihre Gültigkeit verlieren“ (22). Selbst schwere politische und militärische Rückschläge konnten Hitlers Herrschaft darum lange Zeit nicht ins Wanken bringen; bis zuletzt hoffte ein großer Teil der Deutschen, dass ein „Geniestreich“ Hitlers doch noch den Sieg bringen würde.

Zugleich, so Pyta, sei Hitler ein Künstler gewesen, der sich Politik und Kriegführung unkonventionell mit den Augen des geschulten Architekten erschlossen habe. Im ersten Teil seiner Arbeit beschreibt Pyta deshalb ausführlich Hitlers Kunstverständnis sowie seine künstlerischen und ästhetischen Lehrmeister. Dabei vermeidet Pyta, anders etwa als Joachim Fest, Hitler mit bildungsbürgerlicher Herablassung zu betrachten. Stattdessen nimmt er Hitlers autodidaktische Studien sehr ernst und bescheinigt ihm „profunde architekturhistorische Kenntnisse“ (95).

Pytas erstaunlich breite Quellengrundlage erlaubt ihm, selbst bei Themenfeldern, die bislang weitgehend als ausgeforscht galten, neue Fakten vorzubringen. So hat die Hitler-Forschung in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet, dass Hitlers Behauptung, er sei bereits in seiner Jugendzeit in Wien zum überzeugten Rassen-Antisemiten geworden, eine nachträgliche Stilisierung ist. Pyta verweist auf eine bislang unbeachtete Aussage eines Wiener Rahmenhändlers, die diesen Befund erhärtet. Umso radikaler waren Hitlers Judenhass und sein Vernichtungswille später, vor allem nach der Ausweitung des Zweiten Weltkriegs zum globalen Krieg, für den Hitler „die Juden“ verantwortlich machte. Pyta führt eine Niederschrift des Gauleiters August Eigruber über eine Reichs- und Gauleiterbesprechung am 7. Mai 1943 an, bei der Hitler verkündete: „Das Judentum Europas muss ausgerottet werden“ (466). Goebbels, der ebenfalls anwesend war, nahm diese Formulierung lediglich in abgeschwächter Form in sein Tagebuch auf.

Außerdem macht Pyta auf einige bislang wenig oder gar nicht beachtete Mentoren Hitlers aufmerksam, so den Münchner Privatgelehrten Adolf Vogl. Diesen beschreibt Pyta als Hitlers „wichtigsten Lehrer“ (165), wobei man allerdings kritisch hinzufügen muss: laut Vogls Selbstzeugnis! Hierin liegt ein Schwachpunkt von Pytas Arbeit: Obwohl er eine Fülle zuverlässiger zeitgenössischer Dokumente ausgewertet hat, gewichtet er einige nachträglich entstandene Selbstzeugnisse deutlich zu stark. So bezieht er sich beispielsweise auf die Aussagen des Starnberger Zahnarztes Friedrich Krohn, die bereits Albrecht Tyrell in seiner Studie „Vom Trommler zum Führer“ in Zweifel gezogen hat. Und bei Adolf Heusingers „Befehl im Widerstreit“, auf den sich Pyta immer wieder stützt, handelt es sich um eine Quelle, auf deren Unzuverlässigkeit schon Walther Hubatsch hingewiesen hat.

Gerade dem ausführlichsten Teil von Pytas Studie, nämlich Hitlers Zeit als Feldherr im Zweiten Weltkrieg, merkt man an, dass für den Autor die Militärgeschichte kein vertrautes Feld ist. Dies zeigt sich schon an der Verwendung zahlreicher falscher Begriffe: Beispielsweise gab es einen „Befehlshaber der Kriegsmarine“ (618) ebenso wenig wie einen „Befehlshaber“ einer Heeresgruppe oder einer Armee (z. B. 370, 426). Eine Panzerdivision wurde nicht von einem „Kommandanten“ (427) oder „Befehlshaber“ (464) geführt, sondern von einem Kommandeur, und die 6. Armee war keine „militärische Einheit“ (433), sondern ein militärischer Großverband.

Auch bei den militär- und operationsgeschichtlichen Fakten offenbart Pytas Arbeit lückenhafte Kenntnisse, etwa bei der Verleihungspraxis von Auszeichnungen. Pytas Feststellung, im Feldzug gegen die Sowjetunion habe sich die Zahl der Träger des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes „fast inflationär“ erhöht (340), ist weit übertrieben. Das Ritterkreuz wurde auch nicht „an die Brust gesteckt“, wie Pyta mehrfach schreibt (340, 462), sondern um den Hals gebunden und schon bald nach Kriegsbeginn nur noch in den höheren Stufen von Hitler persönlich verliehen.

Laut Pyta sei Hitler die Panzerwaffe immer fremd geblieben; er habe sie nie zur strategischen Hauptwaffe erhoben. Damit widerspricht Pyta teilweise seiner eigenen Argumentation, schreibt er doch zugleich: „Hitler hatte sich schon als NS-Parteiführer mit dem Aufstieg der Panzerwaffe als Herausforderung für moderne Kriegführung intensiv beschäftigt“ (451). Und: „Die Konstruktion neuer Panzerwaffen folgte also Überlegungen, an denen er persönlich Anteil besaß“ (452). Letztere Aussagen sind richtig. Tatsächlich hatte Hitler sehr großes Interesse an Panzern. Er mischte sich immer wieder in deren Entwicklung und Produktion ein und äußerte gegenüber Rüstungsminister Albert Speer am 18. Januar 1943, Panzer seien die kriegsentscheidende Waffe.

Dass „der panzergeführte ,Blitzkrieg‘“ nicht die Welt des Feldherrn Hitler gewesen sei, „der sich mit seiner genuin künstlerischen Prägung als ,Defensivkünstler‘ zur Geltung bringen wollte“ (366), wird jeden Militärhistoriker verwundern, der sich mit der Planung der „Blitzfeldzüge“ der ersten Kriegsjahre beschäftigt hat. Erneut widerspricht sich Pyta, hält er doch an anderer Stelle fest, dass der Westfeldzug auf einem Plan Hitlers und Mansteins beruhte (287). Wenn Pyta das operative Führen mittels Lagekarte als Kennzeichen des Architekten beschreibt und für ungewöhnlich hält, müsste er zumindest einen Gegenentwurf vorstellen, wie ein Feldherr sonst hätte führen sollen. „Ohnehin“, so Pyta, „vermittelten die Lagekarten [Hitler] immer nur einen Überblick über den Frontabschnitt einer Heeresgruppe; nie bildeten sie die Gesamtlage ab“ (626). Auch das ist nicht richtig: Die Karten für die täglichen Lagebesprechungen, welche nicht nur den Frontabschnitt einer Heeresgruppe, sondern jeweils die gesamte Ostfront abbilden, werden bis heute im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg aufbewahrt.

Pytas These, Hitler habe Generalfeldmarschall von Manstein nicht zum Oberbefehlshaber Ost ernannt, weil er ihm politisch misstraut habe, wäre höchst interessant, wenn sie sich denn quellenmäßig belegen ließe. Pytas Urteil, Manstein sei der „einzige politisch unzuverlässige Militär“ gewesen, „der sich von seiner [Hitlers] Gunst unabhängiges militärisches Prestige erworben hatte und seine unumschränkte militärische Führungsgewalt anzutasten wagte“ (524), hätte wohl Manstein selbst höchst erstaunt. Denn Manstein ging zwar in militärisch-operativen Fragen zu Hitler auf Distanz, blieb politisch aber „bis zuletzt nahezu bedingungslos dem Regime und Hitler verpflichtet“, wie Oliver von Wrochem nachgewiesen hat.

Trotz solcher Schwächen ist Wolfram Pytas Studie lesenswert und bietet mit ihrer Einbettung in den damaligen Künstler- und Geniediskurs interessante Denkanstöße. Leider wird die Künstlerthese zuweilen deutlich überstrapaziert. Aber bekanntlich regen ja gerade starke Thesen die Forschungsdiskussion an.

Wolfram Pyta, Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse, Siedler Verlag, München, 2015, 846 Seiten, 39,99 €, ISBN 978-3-8275-0058-8