Militär. Geschichte. Geschlecht. (Potsdam, 16.–18.11.2022)
Folke Wulf
Tagungsbericht
Veröffentlicht am: 
19. Dezember 2022

Vom 16. bis 18. November fand die Tagung „Der Krieg hat kein Geschlecht, das Militär schon? Militär. Geschichte. Geschlecht.“ am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam statt. Mit dieser Tagung legte das Zentrum erstmals den Fokus auf den in der Militärgeschichtsforschung bisher unterrepräsentierten Themenkomplex Geschlecht. Diese in der sonstigen Geschichtswissenschaft inzwischen etablierte Kategorie wurde auf der Tagung vielfältig und mit einer Variation an wissenschaftlichen Zugängen aufgezeigt. Ziel war es, nicht nur den aktuellen Forschungsstand zu diskutieren, sondern auch Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen unterschiedlichster Forschungsdisziplinen ein Forum zu bieten, ihre Perspektiven und methodischen Ansätze auf das Themenfeld anzuwenden.

Nach der Begrüßung durch SVEN LANGE, den Kommandeur des ZMSBw, und die Einführung in die Tagung durch JOHN ZIMMERMANN (Potsdam) startete die Tagung mit dem Eröffnungsvortrag „Männlicher Krieg und weiblicher Frieden? Geschlechterordnungen von Gewalt, Gewalterfahrung und Nachkriegszeiten“ durch CLAUDIA KEMPER (Münster). Hier umschrieb sie das aktuelle Narrativ von Geschlecht und Gewalt: Frauen passiv, als Opfer, mit Frieden konnotiert – Männer aktiv, als Helden oder als Täter, den Krieg dominierend. Sie stellte die These auf, dass diese Trennung sich auch weiter in die gesellschaftlichen Narrative fortsetzen, im ökonomischen Raum zu Beispiel.

Geleitet durch FRANK REICHHERZER (Potsdam), hatte die „Sektion 1: Geschlechterdiskurse im Militär in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ zum Titel. DANIEL GUNZ (Wien) legte den Schwerpunkt auf die zeitgenössische Wahrnehmung männlicher und unmännlicher Verhaltensweisen und Eigenschaften im österreich-ungarischen Heer. GUNDULA GAHLEN (München) untersuchte psychische Leiden im Kontext des soldatischen Männlichkeitsbildes, VIKTORIA WIND (Graz) zeigte auf, wo Homosexualität unter Offizieren toleriert wurde und unter welchen Umständen diese Toleranz endete. In diesem Schwerpunkt spiegelte sich die eingangs formulierte Abwesenheit der Frauen im Kriegsgeschehen wider, die jedoch MARINA BANTIOU (Volos) mit ihrem Vortrag zur Berichterstattung über Frauen kontrastierte, die als Munitionsträgerinnen im Italienisch-Griechischen Krieg 1940 Kriegsteilnehmerinnen waren. Damit beleuchtete sie ein Beispiel für die Heroisierung von Frauen in diesem damals absolut männlich dominierten Feld der Kriegsgewalt.

KAREN HAGEMANN (Chapel Hill) bot mit ihrem öffentlichen Vortrag den konzeptuellen Rahmen der gesamten Tagung mit dem Schwerpunkt, dass Geschlechterforschung auch – und gerade im Feld von Krieg und militärischer Gewalt – multiperspektivisch und mehrdimensional gedacht werden muss, um belastbare Ergebnisse zu liefern.

Die „Sektion 2: Macht und Ohnmacht – Frauen in den Gewalträumen des Zweiten Weltkriegs“ stand unter der Ägide von HELENE HELDT (Potsdam). Die Referenten und Referentinnen griffen hier den Ansatz der Multiperspektivität auf: ROBERT SOMMER (Berlin) zeigte Frauen als Opfer im Bordellsystem des Dritten Reiches, SIMONE ERPEL (Berlin) referierte über Täterinnen im Konzentrationslager. LUISA ECKERT (Hamburg) legte den Blick auf Kämpferinnen in der Roten Armee und NEELE TENEYKEN (Münster) auf Wehrmachtshelferinnen in den Niederlanden als direkte Profiteurinnen des Krieges. Hierbei wurde weiterhin nicht nur deutlich, dass die Erinnerung an Kriegsbeiträge der Frauen schnell in der populären Erinnerungskultur verschwanden und so ein absolut männlich dominiertes Kriegsbild zurückblieb, sondern auch, dass hier viel Potenzial für Synergien liegt. So entspann sich schon unter den Referentinnen die Idee, ob weibliche sowjetische Kriegsgefangene nicht im Bordellsystem des Dritten Reiches zu finden wären, was anhand der Quellenlage in beiden Fällen wertvolle Erkenntnisse über das Schicksal der sogenannten „Flintenweiber“ in Gefangenschaft liefern würde.

Unter der Leitung KERRIN LANGERs (Potsdam) folgte „Sektion 3: Inszenierte Männlichkeit in der Zwischenkriegszeit“. LINUS BIRREL (Freiburg i.B.) setzte sich wiederum mit dem soldatischen Männlichkeitsbild nach dem Ersten Weltkrieg auseinander, das bestimmt wurde vom Idealtypus des Frontkämpfers sowie von der Kränkung der Niederlage von 1918, durch die auch der sich wandelnde Ehrbegriff der Soldaten am Scheideweg von der Wehrpflichtarmee zur Berufsarmee stark beeinflusst wurde, wie CAROLIN KAISER (Bielefeld) zeigte. Es wurde hier deutlich, dass der Diskurs um Männlichkeit in dieser Zeit auf Kampf und Sieg sowie Opfertum fokussiert war. Diese Dominanz zog sich bis in die öffentliche Darstellung homosexueller Beziehungen unter Soldaten, wie KLAUS STORKMANN (Potsdam) an Max Renè Hesses Roman „Partenau“ zeigte.

Die „Sektion 4: Geschlechterordnung und Rollenbilder in der Bundesrepublik und DDR“ wurde geleitet durch JOHN ZIMMERMANN (Potsdam). Im Kontext zweier Gesellschaften auf beiden Seiten der Mauer wurde die Stellung der Frauen im Bundesministerium der Verteidigung durch CHRISTOPH NÜBEL (Potsdam) vorgestellt und für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) durch DANIEL BONENKAMP (Münster). Für beide ließ sich feststellen, dass Frauen (in der Regel) nicht zu den höchsten Kadern zählten und im Falle des MfS bei der Mobilmachung auch nicht für Kampfhandlungen, sondern lediglich für Unterstützungsaufgaben vorgesehen waren. Komplettiert wurde die Sektion durch BETTINA BLUMs (Paderborn) Untersuchung zu britischen Soldatenfrauen, die in Strukturen, die auf ihre Ehemänner ausgerichtet waren (married men´s army), Halt finden mussten, während diese in Einsätzen rund um die Welt gebunden waren.

Am dritten Tag stand zunächst die „Sektion 5: Rollenverständnisse in der Bundeswehr nach dem Ende des Ost-West-Konflikts“ unter der Leitung von MAJA APELT (Potsdam) im Mittelpunkt. BERIVAN CEYHAN (Prag) widmete sich der aktuellen Wahrnehmung und Stellung von Frauen in der Bundeswehr und der Nation. GERHARD KÜMMEL (Potsdam) betrachtete das Oberthema anhand der visuellen Repräsentanz von Frauen in der bundeswehrinternen Zeitschrift „Y“. Mit der Gegenüberstellung von männlichen und weiblichen Stereotypen zu den Verwendungen und der Präsenz von Frauen in der Bundeswehr und anderen Streitkräften rekurrierte CHRISTIANE BENDER (Hamburg) auf den Eröffnungsvortrag.

Die Abschlussdiskussion, geleitet von FRIEDERIKE HARTUNG (Potsdam), zeigte die Erkenntnisse der Tagung: Starre Definitionen können die Forschung behindern, weshalb es immer wieder auch notwendig ist, Definitionen zu überdenken, um Erkenntnisse zu gewinnen. Dies wird auch deutlich in der stark binären Akzentuierung der Beiträge auf Männer und Frauen. Die bipolare Dominanz von männlichem Krieg und weiblichem Frieden konnte in der Tagung ebenso glaubhaft angezweifelt werden, wie die unscharfe Abgrenzung der stereotypen Eigenschaften von Männlichkeit und Weiblichkeit, die in zukünftiger Forschung schärfer umrissen werden sollten.

Auch erfüllte die Tagung ihr größtes Anliegen, nämlich als Forum zum Austausch, als Impulsgeber zu wirken und so Synergien zu erzeugen. In diesem Sinne wurden zahlreiche neue Desiderate deutlich benannt, wie zum Beispiel die Zivilbeschäftigten der Armeen, bei denen der Frauenanteil mit rund 38 Prozent mehr als dreimal so hoch ist wie in der Bundeswehr. Besonders der internationale Austausch wurde durch alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen als Gewinn aufgefasst.

 

Mittwoch, 16. November 2022

13:00 Uhr: Begrüßung
Sven Lange, Oberst und Kommandeur ZMSBw

13:10 Uhr: Einführung in die Tagung
John Zimmermann, Potsdam

13:30 Uhr: Eröffnungsvortrag: Männlicher Krieg und weiblicher Frieden? Geschlechterordnungen von Gewalt, Gewalterfahrung und Nachkriegszeiten
Claudia Kemper, Münster

14:30 Uhr: Pause

15:00 Uhr: Sektion 1: Geschlechterdiskurse im Militär in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Sektionsleitung: Anja Seiffert, Berlin

Männlichkeitskonzepte und gleichgeschlechtliche Sexualität in der bewaffneten Macht Österreich-Ungarns (1855‑1918)
Daniel Gunz, Wien

Männliche Nerven? Der Einfluss psychiatrischen »Wissens« auf die Männlichkeitsvorstellungen von Offizieren im wilhelminischen Kaiserreich (1890‑1918)
Gundula Gahlen, München

»Arbeiter-Soldaten« im Ersten Weltkrieg? Männlichkeitsdiskurse in der Kriegsberichterstattung der sozialdemokratischen »Arbeiter-Zeitung«
Viktoria Wind, Graz

Representations of women’s contribution during the Greco-Italian war (1940‑1941) in the Greek press
Marina Bantiou, Volos

17:30 Uhr: Pause

18:00 Uhr: Öffentlicher Abendvortrag: Militär, Krieg und Geschlecht im 20. Jahrhundert
Karen Hagemann, Chapel Hill

 

Donnerstag, 17. November 2022

09:30 Uhr: Sektion 2: Macht und Ohnmacht – Frauen in den Gewalträumen des Zweiten Weltkriegs
Sektionsleitung: Helene Heldt, Potsdam

Absolute Kontrolle männlicher Sexualität. Das NS-staatliche Bordellsystem in Kriegszeiten (1939‑1945)
Robert Sommer, Berlin

»Ich habe in Auschwitz eine Peitsche genutzt.« Die Gewaltpraxis von KZ-Aufseherinnen – Darstellungen und Narrative
Simone Erpel, Berlin

Flintenweib, Beutestück, Sonderfall? Rotarmistinnen in deutscher Kriegsgefangenschaft
Luisa Eckert, Hamburg

»Ein Land, wo Milch und Honig fließen.« Wehrmachthelferinnen in den besetzten Niederlanden
Neele Teneyken, Münster

12:00 Uhr: Mittagspause

13:30 Uhr: Sektion 3: Inszenierte Männlichkeit in der Zwischenkriegszeit
Sektionsleitung: Kerrin Langer, Potsdam

Die Inszenierung von Männlichkeit in der Figur des »Frontkämpfers« in der Publizistik des Soldatischen Nationalismus der 1920er Jahre
Linus Birrel, Freiburg i.Br.

»Sein unmännliches und seine eigene Ehre verletzendes Verhalten«. Die Entlassung eines Hauptmanns und Kompaniechefs der Reichswehr im Roman und in den Quellen
Klaus Storkmann, Potsdam

Ehrlose Söldner oder aufrechte Elitesoldaten? Berufssoldatentum und militärische Männlichkeiten in der Weimarer Republik
Carolin Kaiser, Bielefeld

15:30 Uhr: Pause

16:00 Uhr: Sektion 4: Geschlechterordnung und Rollenbilder in Bundesrepublik und DDR
Sektionsleitung: Markus Pöhlmann, Potsdam

Der lange Abschied vom Herrenabend. Demokratiekonzepte und Geschlechterordnungen im Bonner Verteidigungsministerium (1950‑1980)
Christoph Nübel, Potsdam

»Die Hauptfrau gab es nur in Witzen.« Das Verhältnis von Militär und Geschlecht im Ministerium für Staatssicherheit
Daniel R. Bonenkamp, Münster

Military wives at war. Britische Militärfamilien an der ›Heimatfront‹ in Deutschland (1950‑2019)
Bettina Blum, Paderborn

 

Freitag, 18. November 2022

9:00 Uhr: Sektion 5: Rollenverständnisse in der Bundeswehr nach dem Ende des Ost-West-Konflikts

Sektionsleitung: Maja Apelt, Potsdam

Frauen in der Bundeswehr – Zum Wandel der Rolle von Frauen in der Nation
Berivan Ceyhan, Prag

Auf dem Weg zur genderneutralen Armee? Vom Wandel der Geschlechterbilder im deutschen Militär
Gerhard Kümmel, Potsdam

Zeitenwende – auch ein Ende tradierter Geschlechterstereotypen?
Christiane Bender, Hamburg

11:00 Uhr: Pause

11:15 Uhr: Fazit und Abschlussdiskussion
Friederike Hartung, Potsdam

12:15 Uhr: Ende der Veranstaltung

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut durch Daniel Bonenkamp und Alexander Reineke.

 

Zitierempfehlung: Folke Wulf, Der Krieg hat kein Geschlecht, das Militär schon? Militär. Geschichte. Geschlecht. (Potsdam, 16.–18.11.2022), in: Portal Militärgeschichte, 19. Dezember 2022, URL: https://portal-militaergeschichte.de/wulf_krieg (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

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