Deutsche Streitkräfte zwischen Enttechnisierung und Innovationsdruck (Potsdam, 24./25.05.2023)
Victor Marnetté
Tagungsbericht
Veröffentlicht am: 
16. Oktober 2023
DOI: 
https://doi.org/10.15500/akm.16.10.2023

Einerseits war die Reichswehr eine Armee, die sich im Rahmen des Versailler Vertrags in einem Spannungsfeld zwischen einer vorgeschriebenen „Enttechnisierung“ und andererseits einem hohen „Innovationsdruck“ durch die deutsche militärische und politische Führung bewegte. Dieses Spannungsfeld möglichst breit zu betrachten, war Thema eines vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) veranstalteten zweitägigen Workshops in Potsdam.

In seiner Begrüßung skizzierte der Kommandeur des ZMSBw, Oberst SVEN LANGE (Potsdam), die wesentlichen Punkte für die spätere Ausgangslage der Reichswehr. Im Ersten Weltkrieg sei es zu einer radikalen Entwicklung des Militärwesens sowie zu einer Bedeutungszunahme der Waffentechnik für die Kriegsplanung und -führung gekommen. Der Weltkrieg sei ein Krieg der Technik gewesen. Die Technisierung des Krieges war ein umfassender Prozess, bei dem das Militär einen wesentlichen Faktor darstellte.

MARKUS PÖHLMANN (Potsdam) gab in seinen einführenden Bemerkungen Impulse zur Einbettung des Themenkomplexes „Reichswehr, Technik und militärische Modernisierung“ in die deutsche Gesellschaft. Hierfür griff er zum einem die von Detlev J. K. Peukert geprägte Begriffsformel der „Dürftigkeit der Handlungsspielräume“ auf und verknüpfte sie mit dem Untersuchungsgegenstand. Zum anderen ergänzte er diese Überlegungen mit den von Rudolf Vierhaus herausgearbeiteten Merkmalen historischer Krisen.

Die erste Sektion startete mit einem Vortrag von KERRIN LANGER (Potsdam), die sich den internationalen Rüstungskontrollverhandlungen in den 1920er Jahren widmete. Langer konzentrierte sich dabei auf die Debatten im Rahmen der zwischen 1926 und 1930 in Genf stattfindenden Vorbereitungen für eine geplante Abrüstungskonferenz des Völkerbundes. Mittels zweier Fallbeispiele verdeutlichte die Historikerin die unterschiedlichen Ansichten hierüber, die es bei den Siegermächten auf der einen und dem Deutschen Reich auf der anderen Seite gab.

Auch die Reichswehr praktizierte seit den frühen 1920er Jahren Technikspionage – heute würde man eher von (militärischer) Industriespionage sprechen. MICHAEL WALA (Bochum) verdeutlichte dies anhand zweier deutscher Militärmissionen in die USA. Der Versailler Vertrag hatte dem Deutschen Reich solche militärpolitischen Instrumente verboten. Nichtsdestotrotz entsandte das Reichswehrministerium ab 1922 mehrere Offiziere in die USA; unter Geheimhaltung und zunächst als Zivilisten getarnt. Wala merkte an, dass es jedoch noch ein Desiderat sei, welchen tatsächlichen Nutzen die Reichswehr aus den durch die deutschen Offiziere gesammelten Erkenntnisse bei der Entwicklung von Waffentechnik gezogen hat.

AGILOLF KESSELRING (Helsinki) veranschaulichte anhand der Lehr- und Versuchsbrigade Döberitz, dass eine Organisation auch dann historische Relevanz besitzt und einen „cultural footprint“ (Sönke Neitzel) hinterlassen kann, selbst wenn sie nur für kurze Zeit existiert. Bei der nur bis zum Juli 1920 aktiven Brigade waren es die intensiven Erprobungen, etwa von neuen Messinstrumenten und -verfahren der Artillerie, der Einsatz modernerer Führungsmittel zur Koordination des Gefechts der verbundenen Waffen sowie die Konzeption einer Gliederung für ein modernes Heer. Die Brigade habe mit dem Wissen, das sie mit ihren Manövern generiert hat, die Grundlagen für die Heeresdienstvorschrift 487 „Führung und Gefecht der verbundenen Waffen“ geschaffen. Die Brigade stelle damit, so Kesselring, den „Schlüssel zum Verständnis der Gesamtreichswehr“ dar.

Die zweite Sektion umfasste drei Teilprojekte aus dem Forschungsverbund „Ressortforschung im Dritten Reich“ (Bergische Universität Wuppertal/Universität Bielefeld). SIMON GROSSE-WILDE (Bielefeld) stellte die Chemisch-Technische Reichsanstalt (CTR) und ihr Zusammenwirken mit der Reichswehr auf technologischer Ebene vor und verwies auf große Forschungslücken für die Zeit der Weimarer Republik. Ihre Vorgängerinstitution, das Militärversuchsamt (MVA), war die „Zentralprüfungsbehörde“ des Kriegsministeriums gewesen, die ab dem 1. April 1920 als zivile Reichsanstalt wiedereröffnet wurde. Der Grund hierfür war das während der Kriegsjahre angesammelte Wissen über Sprengstoffe, Munition sowie zur Ballistik. Künftig diente die CTR als Regulierungsinstitution im Reichsministerium des Innern. MALTE STÖCKEN (Wuppertal) widmete sich dem Staatlichen Materialprüfungsamt (StMPA) in Berlin-Dahlem. Stöcken erläuterte die Gremienarbeit im StMPA sowie das Mitwirken der Reichswehr hierbei. Dadurch gelang es der Reichswehr, die Forschungsergebnisse besser zu überblicken und für ihre Zwecke zu nutzen. VIVIAN YURDAKUL (Wuppertal) konzentrierte sich schließlich in seinem Vortrag auf die Reichsanstalt für Maß und Gewicht (RMG) sowie ihre Nachfolgeorganisation, die Physikalisch-Technische Reichsanstalt (PTR). Die Wurzeln der engen Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Rüstungsindustrie resultierten aus dem hohen Ressourcenpotenzial, das während des Ersten Weltkrieges geschaffen wurde.

Einen Einblick in ein neues Forschungsprojekt bot der Werkstattbericht von PAUL FRÖHLICH (Cottbus), THORSTEN LOCH (Potsdam) und FRANK HÜTHER (Marburg). Zu Beginn ging Loch auf das Fach der Digital Humanities ein und betonte ihr großes Forschungspotenzial für die (Militär-)Geschichtswissenschaft. Im Anschluss wurde am Beispiel des 13. (Württ.) Infanterie-Regiments der Reichswehr das eigentliche Projekt vorgestellt: den „digitalen Deutschen Offizierskatalog (dDOK) 1920–1935“. Sie merkten jedoch an, dass es sich vorerst noch in erster Linie um eine Machbarkeitsstudie für das ZMSBw handelt. Der dDOK soll später dazu dienen, militärische Lebensläufe von Reichswehroffizieren abzubilden und komplexe Fragestellungen zur Sozialisation, Werdegängen oder Kennverhältnissen dieser großen Personengruppe zu beantworten.

Die dritte Sektion begann mit einem Beitrag von JACEK JĘDRYSIAK (Wrocław) über die Spionagetätigkeit der Zweiten Abteilung des polnischen Generalstabs. Der polnische Militärnachrichtendienst sei insbesondere an der Organisation des deutschen Eisenbahnwesens in Friedens- und Kriegszeiten sowie Mobilmachungs-, Dislozierungs- und Fahrplänen (im deutsch-polnischen Grenzgebiet) interessiert gewesen. Die Erkenntnisse der Spionage flossen 1925 in eine Studie über die „Organisation des deutschen Militär-Eisenbahn-Dienstes in Frieden und Krieg“ ein. In seiner Schlussbetrachtung kritisierte Jędrysiak unter anderem, dass das umfangreiche Material des polnischen Militärnachrichtendienstes und dessen Bedeutung für eine Vielzahl von Themen von der (ausländischen) Forschung bislang weitgehend unterschätzt worden sei.

IAN P. MCCULLOCH (Canberra) bot einen Einblick in seine Forschungen zur Motorisierung der Reichswehr, die erst 1926 ein eigenes „Motorisierungsprogramm“ initiiert habe. Eine stärkere, bessere und modernere Motorisierung würde, so das zeitgenössische Denken, die Mobilität erhöhen und dem Heer eine taktisch notwendige Flexibilität ermöglichen. Doch das Programm war auch mit Hindernissen wie den Beschränkungen des Versailler Vertrags konfrontiert.

JENS WEHNER (Dresden) ging der Frage nach, welche Luftkriegs-, Luftkampf- respektive Technikbilder in der Reichswehr existierten und welchen Limitationen sie bei der Planung eines künftigen Luftkrieges unterworfen war. Das Luftkriegsbild sei douhetistisch geprägt gewesen, vor allem bezüglich der Überschätzung der Wirkung von schweren und überschweren Bomben. Das Technikbild der Reichswehr sei wiederum technokratisch-vormodern gewesen – Wehner brachte den Begriff des „reaktionären Modernismus“ ins Spiel – und habe dem Denken anderer Großmächte entsprochen. Das Luftkampfbild bevorzugte zweisitzige Jäger gegenüber einsitzigen. Zu den größten Limitationen zählte der Versailler Vertrag.

In der Abschlussdiskussion gelang es DENNIS WERBERG (Potsdam), die unterschiedlichen Schwerpunkte, Thesen und Ergebnisse des Workshops zu bündeln und gleichzeitig Impulse für weitere Forschungsansätze zu liefern. Werberg mahnte an, dass die Reichswehrforschung „von jeher an einer zu stark verengten, rein deutschen Perspektive kranke“, die es aufzubrechen gilt. Eine Internationalisierung sei angebracht. Des Weiteren müssten „Reichswehr und Technik“ noch stärker in die gesamtgesellschaftlichen Prozesse der Weimarer Republik eingeordnet werden. Ebenso dürfe die Reichsmarine als klassische Technikdomäne nicht vernachlässigt werden.

 

Tagungsprogramm

Mittwoch, 24. Mai 2023

13:00 Uhr, Begrüßung Oberst Dr. Sven Lange (Kommandeur ZMSBw)

13:10 Uhr, Einführung Markus Pöhlmann (Potsdam), Reichswehr, Technik und militärische Modernisierung

13:30 Uhr, Sektion I: Wissen – Vergleichen – Versuchen, Sektionsleitung: Christian Stachelbeck (Potsdam)

Kerrin Langer (Potsdam), Die Frage nach der Formel. Die Rüstungskontrollverhandlungen des Völkerbundes, das Deutsche Reich und die Messbarkeit militärischer Macht

Michael Wala (Bochum), Technikspionage für das Heereswaffenamt. Die Reise des Artilleristen Generalleutnant a.D. Schirmer in die USA 1926

Agilolf Kesselring (Helsinki), Die Versuchsbrigade Döberitz zwischen taktischem Wollen und technischem Können

15:30 Uhr, Sektion II: Wehrtechnik und Wissenschaft. Zum Verhältnis der Ressortforschung zur Reichswehr 1918–1935, Sektionsleitung: Helmut Maier (Wuppertal)

Simon Große-Wilde (Bielefeld), Eine „wehrtechnologische Forschungs- und Prüfanstalt“. Die Chemisch-Technische Reichsanstalt 1919–1935

Malte Stöcken (Wuppertal), Prüfung, Forschung, Wissenstransfer. Die Arbeiten des Staatlichen Materialprüfungsamtes Berlin-Dahlem für die Reichswehr

Vivian Yurdakul (Wuppertal), Rüstungsfördernde Regulierung. Gesetzliche Metrologie, Reichswehr und Industrie 1918–1935

Donnerstag, 25. Mai 2023

09:00 Uhr, Aus der Forschung Paul Fröhlich, Frank Hüther, Thorsten Loch, „Vorsprung durch Technik!“ – „Reichswehr goes Digital Humanities“

09:45 Uhr, Sektion III: Motor und Beweglichkeit Sektionsleitung: Frank Reichherzer (Potsdam)

Jacek Jędrysiak (Wrocław), A Hidden Tooll of Mobilization. Technical Modernization of the German Railways in the Eyes of Polish Military Intelligence in the 1920s

Ian P. McCulloch (Canberra), The Reichswehr and Military Motorisation

Jens Wehner (Dresden), Technikplanung und Luftkriegsdenken in der Reichswehr

11:30 Uhr, Fazit und Abschlussdiskussion

12:15 Uhr, Ende der Veranstaltung

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut durch Daniel R. Bonenkamp.

 

Zitierempfehlung: Victor Marnetté, Reichswehr und Technik. Deutsche Streitkräfte zwischen Enttechnisierung und Innovationsdruck (Potsdam, 24./25.05.2023), in: Portal Militärgeschichte, 16. Oktober 2023, DOI: https://doi.org/10.15500/akm.16.10.2023 (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).